Leben im Luftschutzkeller – bald wieder?

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Helmut Meyer hat freundlicherweise die Erinnerungen an seine Kindertage im Luftschutzkeller für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt, damit wir Heutigen, die wir wieder zur "Kriegstüchtigkeit" befähigt werden sollen, einen Eindruck davon erhalten, was das derzeitige Handeln der Ton angebenden Politiker für uns bedeuten kann.

Denn noch nie haben seit 1945 Politiker unser Land so sehr der Gefahr eines Krieges ausgesetzt – eines Krieges, in dem auch der Einsatz von Atomwaffen und die Verwüstung Europas drohen.

Helmut Meyer war zum Kriegsende zehn Jahre alt, seine Aufzeichnung stammt aus dem Jahr 2015.

Luftschutz geht alle an

Mit Kriegsbeginn begann der „Luftschutz“ auch in unserem Haus. Eines Tages luden Bauarbeiter vor der Kamminer Straße 35 Baumstämme, Ziegelsteine und Zement ab.Damit machten sie aus unserem zivilen Keller einen „Luftschutzraum“. Zu dieser amtlichen Sprachkreation wurde gleich die sprechgeschmeidige Abkürzung geliefert: „LSR“. Luftschutz bedeutete nicht etwa, dass die Luft geschützt werden sollte, vielmehr sollten die Hausbewohner im Keller Schutz vor Bomben finden, die durch die Luft geflogen kommen. Die Brandmauern zwischen den Häusern wurden durchbrochen und mit einer dünnen Wand wieder verschlossen. Beruhigend zu wissen, dass man, wenn das Haus in Trümmern lag, so eventuell immer noch ins Nachbarhaus entweichen konnte.

Der LSR wird feierlich eingeweiht

Der LSR wurde nach Fertigstellung 1941 mit einer makabren Feier eingeweiht. Die Mieter des Hauses wurden in den „Luftschutzkeller“ beordert. Da stand „Luftschutzwart“ Gebauer, im Zivilleben Bäckermeister in der Wittler-Brotfabrik in Moabit, in einer blauen Montur mit Blechhelm auf dem Kopf, das Handbeil am Koppel und die Gasmaske im Beutel. Er wies jedem seinen Platz zu, der künftig bei Alarm im Luftschutzkeller einzunehmen war. Im eleganten Pyjama erschienen Herr und Frau Stürmer. Er, Mitarbeiter der Gauleitung der NSDAP, erklärte der belustigt staunenden Keller-Volksgemeinschaft, so würden sie künftig immer dem Luftschutz frönen. Die Mieter wurden dann in die Bedienung der Feuerpatschen, Löschsandeimer und Handspritzen eingewiesen. Zum Abschluss der Einweihungsfeierlichkeiten durften wir Kinder ein Lied singen. Ich kann mich sogar noch an den Text erinnern:

Wenn die Glocke neune schlägt,
kommt der Tommy angefegt
mit dem Nachttopp unterm Arm
Achtung, Achtung, Fliegeralarm!

Diese Primitivreimerei war gar nicht so unsinnig, wie sie scheint. Bombenkrieg ist doch eigentlich niedlich, sollte das wohl heißen. Für den Vortrag dieser Hymne erhielten wir Kakao und Kuchen. Das war 1941 noch möglich.

Der Luftschutzraum im Einsatz

Ernst wurde es mit dem Luftschutzraum erst 1942, als die Bomber nicht nur der „Tommies“ und auch nicht nur, „wenn die Glocke neune schlägt“, angefegt kamen. Da gab es dann auch keine Pyjama-Modeschau mehr. Dann wurden die Einschläge gezählt und über den Drahtfunk die Meldungen über „neue Kampfverbände im Anflug auf die Reichshauptstadt“ verfolgt. Zwischendurch gingen Erwachsene immer mal nach oben Ausschau halten und berichteten dann, wo es überall brennt. Entsetzen wurde zum Alltagserleben. Der Keller wurde zum stundenlangen nächtlichen Aufenthaltsort.

Das Drehbuch der Bombenangriffe

Die Bombenangriffe hatten ein grausames Szenario. Im Radio wurden die Sendungen plötzlich unterbrochen und es gab eine „Luftlagemeldung“. Hinter dieser harmlosen Bezeichnung verbarg sich der Hinweis auf einen in Kürze erfolgenden Fliegeralarm. Meist kam dann noch eine weitere Luftlagemeldung „über einen Verband feindlicher Kampfflugzeuge im Raum Hannover-Braunschweig mit Anflug auf die Reichshauptstadt“. Das war die Durchsage unmittelbar vor der ersten Sirene zum kommenden Bombardement. Dreimal an- und abschwellender Ton hieß Voralarm. Dauerte das Geheul länger, bedeutete es Vollalarm, d.h. gleich ist mit Einschlägen zu rechnen. Wir ergriffen das „Luftschutzgepäck“ – Kleidung und rettenswerte persönliche Unterlagen – und eilten in den Luftschutzkeller, vorbei an Luftschutzwart Gebauer, auf unsere Plätze. Zuerst kamen die „Pfadfinder“, die leuchtende Zielmarkierungen, „Weihnachtsbäume“ genannt, setzten. Die nachfolgenden Bomberverbände, die mit starkem Gedröhn einflogen, verrichteten das eigentliche Zerstörungswerk. Der Lärm der Detonationen dauerte oft Stunden. Bei einem nahen Einschlag bebte das Haus und der Putz rieselte von den Wänden. War die Stromleitung getroffen, ging das spärliche Licht aus. Dann wurden Hindenburglichter, die wie große Teelichter aussehen, angesteckt. Dazu kam noch das Bellen der Geschütze der Flak-Batterie aus der nahen Jungfernheide, bis irgendwann ein gleichbleibender langgezogener Sirenenton zur „Entwarnung“ ertönte. Man durfte bis zum nächsten Sirenengeheul wieder in den Lebensalltag zurückkehren.

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Zunehmender Bombenkrieg – zunehmendes Leben im LSR

Im Jahr 1943 begann der systematische Bombenkrieg der Engländer und Amerikaner auf die Wohnviertel und die Infrastruktur der deutschen Städte. Mit den Bomben wurden bei den Tagesangriffen der Amerikaner Flugblätter abgeworfen, die über den wahren Verlauf des Krieges informierten. Das Aufheben der Blätter und der Besitz wurde mit der Todesstrafe geahndet.

Ab 1944 kamen die großen Bomberverbände der Aliliierten fast jeden Tag und jede Nacht. Die bange Frage: „Kommen sie heute?“ konnte nun fast immer mit „Ja!“ beantwortet werden. Der Luftschutzkeller war nun täglich der Aufenthaltsort für Stunden. Der Feuerschein der getroffenen Häuser beleuchteten das Inferno auf den Straßen. Die Stadt stank immer stärker nach Brand, Verwesung und Tod. Sofort nach der Entwarnung wurden die kriegsgefangenen „Badoglio-Italiener“* aus dem Gefangenenlager am Tegeler Weg zur Bergung der verschütteten Bewohner der Häuser und zum Bergen der Bombenblindgänger eingesetzt. Als Jugendliche machten wir jetzt Sachen, die ein großes Risiko bargen. Wir stiegen in den Ruinen umher und untersuchten die Keller in den zerbombten Häusern nach Brauchbarem, vor allem Einweckgläsern mit Obst.

Das Kriegsende naht mit Schrecken

Gegen Kriegsende – aber wann er enden würde, wusste ja keiner – sprach mancher im Keller ein verzweifeltes Stoßgebet. Andere weinten leise. An Sprüche wie: „Wenn ich hier lebend rauskomme, will ich mein Leben lang nur noch trocken Brot essen“ und „Lieber einen Russen auf dem Bauch als das Haus auf den Kopp“ kann ich mich gut erinnern. Nur Frau Stürmer, die Frau des Parteimenschen, der jetzt den Volkssturm leitete, seufzte ab April 1945 immer wieder verzweifelt und entnervt: „Was wird wohl jetzt unser armer Führer machen?“ Zu meiner Mutter zischte sie giftig: „Nun kommt ja ihre Zeit!“ Das nahm meine Mutter doch mit Sorge zur Kenntnis, denn sie war ja von diesen verblendeten Nazis in der Vergangenheit oft in Bedrängnis gebracht worden. Bei den Nachforschungen der Gestapo über meine Mutter hatten viele Mieter Auskunft gegeben.**
Waren es anfangs die Europa-Landkarten in der Schule gewesen, um den siegreichen Kriegsverlauf der Wehrmacht zu verfolgen, so war es nun eine Deutschlandkarte mit den Koordinaten der im Drahtfunk angegebenen Standorte der Bomberverbände über Deutschland, die Herr Stürmer neben dem von ihm gestifteten Volksempfänger im Luftschutzkeller angepinnt hatte. Jeder konnte so teilhaben am Untergang Deutschlands im Bombenhagel.

Der Mitte des Monats April 1945 einsetzende Daueralarm zwang alle Mieter nicht mehr nur Stunden, sondern fortan auf Tage und Nächte in den Luftschutzkeller. Das beengte Leben dort war die letzte Form der „Volksgemeinschaft“. Gab es zu Beginn noch offene und angeregte Gespräche der Mieter untereinander, so wurden sie immer leiser und waren von den Sorgen und dem Schmerz der einzelnen Familien über den Tod einzelner Angehöriger, Väter oder Söhne, erfüllt und verstummten bald ganz.

Ab April 1945 kam der Beschuss durch Granaten der russischen Artillerie hinzu. In den linken Seitenflügel unseres Hauses schlug ein 21-cm-Artillerie-Geschoss ein, ohne dabei zu detonieren. Strom, Wasser und Gas waren längst gekappt. Man verlor in der Enge und der Dunkelheit des Kellers jegliches Zeitgefühl. Wir horchten nur noch auf den sich immer stärker entwickelnden Kriegslärm, zu dem noch Panzer und Schießereien gekommen waren. Am 25. April gab es eine mächtige Detonation, die das Haus zum Schaukeln brachte. Die Schlossbrücke war gesprengt worden, um den Verbänden der 6. Ukrainischen Panzerarmee, die aus der Jungfernheide über den Tegeler Weg vorstießen, die Fahrt zum Zentrum zu versperren.

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Rotarmisten kommen in den Luftschutzkeller – Zeichnung Helmut Meyer

Die Kampfhandlungen sind vorbei

Am 27. April flog die Blechtür zum Luftschutzkeller auf und mit dem lauten, fordernden Ruf: „Deutsche Soldat?“ stürmten russische Kampftruppen in den Keller. Der von den Kämpfern mitgebrachte Kriegsgeruch, die Stahlhelme und vorgehaltenen Waffen ließen unser Ende vermuten. Von einer Mieterin war ihre Dynamo-Taschenlampe aus Angst in Betrieb gesetzt worden. Einer der Russen ergriff die Lampe und eilte mit den anderen durch die Winkel des Kellers auf der Suche nach verborgenen Soldaten. War es das? Oder waren wir erst nur noch einmal davongekommen?
Dann hielt es uns Jungen nicht mehr im Luftschutzkeller.

Helmut Meyer


* Mussolini war im Juli 1943 gestürzt und verhaftet und an seiner Stelle Badoglio vom König zum Ministerpräsidenten ernannt worden; im Oktober erklärte Badoglio dem Deutschen Reich den Krieg. Die „Badoglio-Italiener“ waren die Soldaten des nunmehrigen Kriegsgegners, die hier zur Zwangsarbeit herangezogen wurden.

** Die Eltern von Helmut Meyer waren Gegner der Nationalsozialisten (siehe „Fritz Meyer“). Seines Vaters wird gemeinsam mit 70 weiteren Charlottenburger Gegnern des Nationalsozialismus auf einer Gedenktafel am Haus der Jugend in der Zillestraße 54 in Berlin gedacht.

Dieser Artikel erschien zuerst in https://auswilmersdorf.de/leben-im-luftschutzkeller-bald-wieder

 


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