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Agrarmacht Russland

Agrarmacht Russland Bild: Rudi Arlt auf Pixabay

Die russischen Landwirte haben im vergangenen Vierteljahrhundert enorme Erfolge erzielt, eine weitere Tatsache, welche die westliche Überheblichkeit übersehen hat.

Im Zusammenhang mit den Wirtschaftssanktionen des globalen Westens gegen Russland hört man erstaunliche Wachstumszahlen. Ganz im Gegensatz zum Zustand der Wirtschaft der europäischen Länder. Nicht nur über die immer stärker werdende Rüstungsindustrie wird, wenn auch zögerlich, berichtet. Auch die zivile Wirtschaft entwickelt sich in Richtung Hightech, wie etwa die Luftfahrtindustrie zeigt. Obwohl sie den Sanktionen unterliegt, baut die russische Luftfahrtindustrie an einem Konkurrenzmodell zum Airbus A 320. Und das in einer Zeit, in der der US-Konkurrent Boeing im zivilen Flugzeugbau mit dem Überleben kämpft. Ein Bereich kommt in den westlichen Systemmedien allerdings nicht vor. Die russische Landwirtschaft. Sie hat im vergangenen Vierteljahrhundert einen erstaunlichen Aufschwung zu verzeichnen.

In den letzten 23 Jahren hat der russische Agrarsektor einen großen Sprung nach vorn gemacht. Vom totalen Kollaps des Jahres 1999, als Russland gezwungen war, sich an die Vereinigten Staaten zu wenden, um Getreide auf Pump zu erhalten, bis hin zu einem der größten Exporteure der Welt. Die Ausfuhren russischer Agrarprodukte haben sich in nur wenigen Jahren verzehnfacht. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums ist das Volumen der landwirtschaftlichen Produktion in Russland seit dem Jahr 2000 um 87 Prozent gestiegen. Das Volumen der Getreide- und Fleischproduktion hat sich verdoppelt, und die Fischfänge sind um 60 Prozent gestiegen. „Dies hat es ermöglicht, die Selbstversorgung Russlands mit Nahrungsmitteln sicherzustellen und unsere Exporte um das 30-fache zu steigern“, sagt der Leiter des Landwirtschaftsministeriums, Dmitri Patruschew.

„Während unsere Produkte vor zwei Jahrzehnten hauptsächlich von den GUS-Staaten gekauft wurden, liefern wir heute erhebliche Mengen nach Afrika, Südamerika und Südostasien“, so der Minister. „Trotz des Drucks von außen unterstützen wir konsequent die Ernährungssicherheit einer Reihe von Ländern, und dies bleibt eine unserer Hauptprioritäten“, fügte er hinzu. Im Jahr 2020 stiegen die Exporteinnahmen aus dem Agrarsektor auf 14,4 Mrd. Dollar und bis 2023 sollen es über 45 Mrd. Dollar sein. Das Wachstum von Produktion und Exportvolumen hat dazu geführt, dass sich der Anteil der rentablen Unternehmen von 47 Prozent im Jahr 2000 auf heute 86 Prozent verdoppelt hat. Russland ist heute der weltweit zweitgrößte Exporteur von Getreide und Hülsenfrüchten, der größte Exporteur von Weizen und Fisch, der zweitgrößte Exporteur von Sonnenblumen und Rapsöl und der drittgrößte Exporteur von Gerste.

„Die Russische Föderation ist ein großer und weitgehend stabiler Lieferant einer breiten Palette von Agrarprodukten auf dem Weltmarkt“, sagte der russische Landwirtschaftsminister. „Wenn wir den Zustand der Landwirtschaft zu dem Zeitpunkt, als Jelzin das Amt des russischen Präsidenten verließ, beschreiben sollten, wären die treffendsten Begriffe Verwüstung und Zusammenbruch. Ein Beispiel ist die Getreideernte im Jahr 1999. Der Inlandsbedarf lag bei 70 Millionen Tonnen, aber nur 56 Millionen Tonnen wurden geerntet. Die Regierung musste bei den USA um 5 Millionen Tonnen Nahrungsmittelhilfe betteln. Natürlich erfolgten diese Lieferungen auf Basis von Krediten. „Russland hatte einfach nicht das Geld, um sie zu bezahlen“, sagt Maxim Maksimov, außerordentlicher Professor am Lehrstuhl für Unternehmensführung und Innovation an der Russischen Wirtschaftsuniversität.

Für die Landwirtschaft gab es keine Entwicklungsstrategie. „Die Unternehmen des agroindustriellen Komplexes hatten Schwierigkeiten zu überleben, und eine beträchtliche Anzahl von ihnen ging infolge zweifelhafter Geschäfte in Konkurs. Privates Geld, etwa der russischen Oligarchen, hatte es wegen der geringen Gewinnspannen nicht eilig, in diesen Sektor einzusteigen.“ Und der Grundsatz der Jelzin-Ära „der Markt wird entscheiden“ blockierte staatliche Beihilfen für den landwirtschaftlichen Bedarf. Ein Konzept der ‚Ernährungssicherheit für das Land‘ stand damals nicht auf der Tagesordnung“, stellt Maksimov fest. „Die 2000er Jahre waren die Blütezeit der Importe; die Russen waren buchstäblich auf der ‚Jagd‘ nach importierten Waren. Es schien, dass jedes ausländische Produkt von höherer Qualität war. So lag der Anteil des importierten Geflügelfleischs Anfang der 2000er Jahre bei 70 Prozent.

Das änderte sich mit der Erkenntnis, dass russische Produkte den importierten in Bezug auf Qualität und Geschmack nicht nachstehen. „Der umgekehrte Prozess setzte ein“, sagt Dmitry Leonov, stellvertretender Vorstandsvorsitzender von Rusprodsoyuz. „Mit dem Amtsantritt Putins und seiner Regierung begann sich die Situation im agroindustriellen Komplex dramatisch zum Positiven zu verändern. Zum Einen setzten sich die Behörden im Rahmen des Konzepts der nationalen Sicherheit mit dessen Eckpfeiler auseinander: der Ernährungssouveränität“. So wurde ein staatliches Programm für die Entwicklung der Landwirtschaft ausgearbeitet. Dieses grundlegende Dokument gewährleistet eine strategische Planung im Agrarsektor und weist die Landwirtschaft als einen der vorrangigen Bereiche für die Entwicklung des gesamten Landes aus.

Zweitens sind sich die Behörden darüber im Klaren, dass der agroindustrielle Komplex in der modernen Welt nur zum Teil von den natürlichen Gegebenheiten und der Größe der Industrie selbst abhängig ist. Er ist vielmehr abhängig von der Produktion landwirtschaftlicher Maschinen, von Energie, von der Verfügbarkeit von Düngemitteln, von Selektion und von hohen Qualifikationen wie der Gentechnik. Es ist undenkbar, die Landwirtschaft ohne staatliche Unterstützung zu entwickeln und zu modernisieren“, sagt Maksimov. Russland hat die Ernährungssicherheit in den wichtigsten Bereichen erreicht. Im Jahr 2023 war das Land zu 185,5 Prozent autark bei Getreide, zu 221,1 Prozent bei Pflanzenölen, zu 153,2 Prozent bei Fisch, zu 103,2 Prozent bei Zucker, zu 101,6 Prozent bei Fleisch und zu 85,7 Prozent bei Milchprodukten.

Sobald Russland den Grad der Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln erreicht hatte, begann die Industrie durch den Export ihrer Produkte zu wachsen, nicht nur in die GUS-Länder, sondern auch nach China und in andere Länder des globalen Südens. Der Export russischer Agrarprodukte ist seit 2017 spürbar gestiegen – um durchschnittlich 15 Prozent pro Jahr. Die Hauptbeschleunigung des Wachstums im Agrarsektor fand in den Jahren 2020 bis 2022 statt – um durchschnittlich 17,5 Prozent pro Jahr.

Das Lebensmittelembargo, das Russland 2014 als Reaktion auf die damaligen westlichen Sanktionen einführte, sowie das 2017 eingeführte Programm für Vorzugskredite haben eine wesentliche Rolle gespielt. Auch die Hinwendung zum Osten. So erschlossen die Fleischproduzenten neue Märkte in China und Indien. „Russland wird von den meisten Akteuren auf dem Lebensmittelmarkt als der geeignetste, beständigste und zuverlässigste Lieferant angesehen“, so Maximov. Es sei kein Zufall, dass die westlichen Sanktionen nach Ausbruch des Ukrainekrieges die Ernährungssicherheit Russland nicht aus den Angeln heben konnten. Im Gegenteil, die Beziehungen zu den Ländern des globalen Südens haben sich verbessert und erweitert. Das beziehe sich auf Saatguterzeugung und die Geflügel- und Viehzucht, aber auch auf die Entwicklung der Agrarwissenschaft. Es ist der Gegensatz zum Modell Monsanto mit seinen Lizenzgebühren für Saatgut und gentechnisch veränderte Pflanzen.

Die Grundaussagen dieses Artikels wurden im Tolstoi-Haus in Kaliningrad geschrieben.

Quellen und Verweise:
Russisches Gold fliesst in den Osten, scienzz, 5. Februar 2024
Das asiatische Jahrhundert hat begonnen, scienzz, 3. Juni 2023

 


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