Quand tout devient fou – Lockerungen damals und heute

Quand tout devient fou – Lockerungen damals und heute Herkunft unbekannt

Mir wurde heute der erstaunliche Text einer französischen Autorin zugespielt, die ich bis jetzt nicht kannte: Ariane Bilheran. Sie ist Lehrerin, Philosophin, klinische Psychologin, Doktor der Psychopathologie und auf die Untersuchung von Manipulation, Paranoia, Perversion, Mobbing und Totalitarismus spezialisiert.

"Chroniques du totalitarisme – Quand tout devient fou" ist der Titel dieses Textes, den Bilheran am 16.08.2021 auf Ihrer Webseite veröffentlicht hat. Darin stellt sie dar, wie ein völlig unlogisches Narrativ zur Propaganda und dann zur Realität wird. Diese Unlogik wird später sogar als vernünftiges Prinzip akzeptiert. Ein Rausch ("bouffée délirante"), der deswegen so gefährlich ist, weil er ansteckend ist und ganze Gruppen ergreifen kann.

Der Text wäre es wert ins Deutsche übersetzt zu werden, aber mir fehlen leider die zeitlichen Kapazitäten für diese Aufgabe. Tröstlich ist vielleicht, dass einige ihrer Artikel ins Englische übersetzt wurden, z.B. diese Serie über die Psychopathologie des Totalitarismus:

Psychopathology of totalitarianism 1/3
Psychopathology of totalitarianism 2/3
Psychopathology of totalitarianism 3/3

Für diejenigen, die Französich können, kann ich wärmstens dieses Interview von ihr auf Ici-Radio-Canada "Le monde est-il fou?" empfehlen.

Doch zurück zu dem Artikel "Quand tout devient fou", aus dem ich eine Passage gerne hervorheben möchte.

Es ist ja bekannterweise verpönt, Parallele zwischen dem Dritten Reich und heute zu ziehen, doch hier erfahren wir, dass auch im Dritten Reich Lockerungen stattfanden, sogar noch kurz vor den endgültigen Deportationen. Für mich erschreckende Enthüllungen:

"Der Moment der paranoiden Dekompensation, d.h. die Entfesselung des Wahns, ist äußerst heftig. Diejenigen, die mit Psychotikern und insbesondere mit Paranoikern arbeiten, wissen das sehr gut. Wahnhafte Ausbrüche verlaufen in Phasen, mit Flauten. So können wir die Verfolgungen der Nazis analysieren: Zwischen zwei Razzien gab es Lockerungen der Maßnahmen. Es flammte auf, beruhigte sich wieder und flammte dann wieder auf, genau wie im Modus eines Rausches.

So wurden beispielsweise am 16. April 1944 die 220.000 Budapester Juden (die 20 % der Stadt ausmachten) gezwungen, in die 1.948 errichteten 'Häuser mit dem gelben Stern' zu ziehen und sie durften nur drei Stunden am Tag zum Einkaufen, Baden und für Arztbesuche ins Freie gehen. Es folgten die Beschlagnahme von Kunstwerken und Enteignungen, das Verbot geistiger Berufe und die Unterdrückung von 500.000 Bänden jüdischer Autoren.

Am 1. Mai 1944 wurde der Erlass vom 22. April umgesetzt, der niedrigere Lebensmittelrationen für die Juden vorsah. Zwischen dem 15. Mai und dem 9. Juli 1944 organisierte Eichmann zusammen mit anderen ungarischen Entscheidungsträgern die Deportation von 437.402 Menschen nach Auschwitz-Birkenau. Doch im Juli wurde die Entscheidung, alle Juden aus Ungarn zu deportieren, abrupt gestoppt. Gleichzeitig wurde die Enge etwas gelockert: Die Budapester Juden durften ihre Wohnungen für sechs Stunden am Tag verlassen, vor allem aber durften sie ab Ende August 1944 an bestimmten jüdischen Festen teilnehmen und arbeiten. Die Deportationen wurden im letzten Quartal des Jahres 1944 wieder aufgenommen.

Es ist klar, dass dies in Wellen geschieht, die kollektiven Momenten von Wahnausbrüchen entsprechen, die manchmal wieder abklingen. Und diese Wellen bauen sich zu einem Crescendo auf: Entweder wird die kollektive Paranoia durch den Krieg besiegt, oder sie verzehrt sich in einer Logik der Selbstzerstörung (Hannah Arendt bemerkte in demselben Artikel, dass die Nazis sich nicht um die Zerstörung Deutschlands kümmerten, die sie in der herrschenden Ideologie so verherrlicht hatten). Es sei denn, sie stößt vielleicht auf genügend Widerstand?

Wir stehen heute noch am Scheideweg, und die kommenden Monate werden entscheidend sein. Es ist notwendig und es genügt, dass die Massen aufhören, an die verlogene Ideologie zu glauben."

(Fettmarkierung von NP. Übersetzung von NP mit Hilfe von DeepL)

Quelle und Verweis:
Ariane Bilheran: Chroniques du totalitarisme 5 – Quand tout devient fou...
Passend zur Thematik der "bouffée délirante" und zu unserem schönen Titelbild ist dieser Artikel von Norbert Häring: Karl Lauterbach widerspricht sich nun schon im Minutentakt – wobei "bouffé délirante perpétuelle" zu diesem unerträglichen "Bouffon" noch besser passt...

 


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