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Kriegstüchtig in den Sturzflug

Sunset oder Sonnenaufgang? Sunset oder Sonnenaufgang? ADD auf pixabay.com

Die Wirtschaftszahlen sind schlecht, das spiegelt der Energieverbrauch in Deutschland.

Die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen hat Zahlen der ersten drei Quartale vorgelegt.

In dem Artikel „Deutsche Industrieprodukte immer weniger gefragt“ vom 24. November 2023 hatte ich der These widersprochen, es handelt sich um eine vorübergehende Schwäche. Stattdessen hatte ich die Frage aufgeworfen, ob „der ehemalige Exportweltmeister noch das produziert, was die Welt wünscht und benötigt“. In diesem heutigen Artikel möchte ich die wirtschaftliche Lage in der Bundesrepublik anhand von einigen Zahlen ergänzen . Vor allem die Tatsache, dass es sich nicht um einige spezielle Branchen handelt, sondern offensichtlich so ziemlich die ganze Breite der Wirtschaft erfasst hat. Dem widerspricht nicht, dass es einige exponierte Wirtschaftszweige gibt, auf welche die Öffentlichkeit besonders schaut. Etwa die Automobilindustrie. Es bedeutet auch nicht, dass dies das Ende des Industriestandortes Deutschland sein wird.

Warum die Aussichten momentan nicht besonders gut sind und welches die strukturellen und geostrategischen Gründe sind, die dahinter stehen, werde ich in einem späteren Artikel näher beleuchten. Die Verschiebungen der Industrieproduktion in Richtung Asien, insbesondere China soll hier nur als Hinweis angemerkt werden. Stichworte dazu sind die BRICS-Staaten, aber auch die aktuelle Kriegssituation in der Ukraine, die durch den Gaza Konflikt beeinflusst wird. Durch die westlichen Sanktionen gegen Russland ist im Osten bzw. Asien ein Wachstum gewissermaßen erzwungen worden, das eine erstaunliche Dynamik entfaltet. Unter anderem zu Lasten der deutschen Wirtschaft.

Hier soll die tatsächliche Schärfe des Rückgangs der Industrieproduktion mit Zahlen dargestellt werden. Dazu betrachten wir den Energieverbrauch in Deutschland, der dies deutlich spiegelt. Denn ohne den Einsatz von Energie tut sich in diesem Land überhaupt nichts, nicht einmal der morgendliche Kaffee stünde auf dem Tisch. Wir bedienen uns der Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen. Diese wird getragen von sieben Verbänden der Energiewirtschaft und drei energiewirtschaftlichen Forschungseinrichtungen, welche die vorhandenen Statistiken aus allen Bereichen der Energiewirtschaft auswerten und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Vor kurzem wurden die Zahlen für die ersten neun Monate des Jahres 2023 von AG Energiebilanzen veröffentlicht.

Nach diesen vorläufigen Berechnungen – das Jahr 2023 ist ja noch nicht zu Ende – lag der Energieverbrauch in Deutschland in den ersten drei Quartalen des laufenden Jahres um 9 Prozent unter der Vorjahresperiode. Die konkreten Zahlen, die in Peta Joule (PJ) oder in Millionen Steinkohleeinheiten (SKE) angegeben werden, ersparen wir uns hier. Diese Größenordnungen werden den wenigsten Lesern etwas sagen. Die Prozentzahlen dagegen schon. Unter Ausschaltung des Witterungseinflusses sei der Primärenergieverbrauch in den ersten neun Monaten des Jahres um 5,8 Prozent gesunken. Das ist gewissermaßen das Eckdatum und entspricht in etwa dem Rückgang der Wirtschaft des Landes. Wohlgemerkt, wir sprechen nicht mehr von Wachstum, sondern von Rückgang.

Schauen wir auf die Details. Der Verbrauch von Mineralöl sank in den ersten drei Quartalen 2023 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 5,1 Prozent. Während der Verbrauch von Ottokraftstoff um mehr als 3 Prozent zunahm, verringerte sich der Verbrauch von Dieselkraftstoff um gut 3 Prozent. Der Verbrauch von Flugkraftstoff stieg um 5 Prozent. Der Absatz von leichtem Heizöl verringerte sich leicht um 3 Prozent. Die Lieferungen von Rohbenzin an die chemische Industrie waren dagegen um 16 Prozent niedriger. Der Erdgasverbrauch ging in den ersten drei Quartalen 2023 um 7,2 Prozent zurück. In dieser Entwicklung spiegeln sich sowohl Rückgänge bei der industriellen Nachfrage als auch Einsparungen bei den privaten Haushalten, sowie im Bereich des Sektors Gewerbe, Handel und Dienstleistungen wider.

Die Stromerzeugung aus Erdgas sank um 4 Prozent. Bei der Erzeugung von Fernwärme auf der Grundlage von Erdgas gab es ein Minus von knapp 3 Prozent. Der Verbrauch an Steinkohle nahm im Berichtszeitraum um 19,1 Prozent ab. Besonderen Einfluss auf diese Entwicklung hatte die um gut 35 Prozent rückläufige Stromerzeugung aus Steinkohle. Die Rohstahlproduktion sank in Folge der wirtschaftlichen Abschwächung um 3,6 Prozent, die Kokereien verringerten ihren Ausstoß um 12 Prozent. Die Steinkohlennachfrage der Stahlindustrie nahm insgesamt um 1,6 Prozent ab.

In den ersten drei Quartalen des Jahres 2023 lag der Primärenergieverbrauch von Braunkohle (mit 22,6 Mio. t SKE) um 23,4 Prozent unter dem Niveau des Vorjahreszeitraumes. Der Rückgang entspricht im Wesentlichen den verminderten Lieferungen an die Kraftwerke der allgemeinen Versorgung. Die Stromerzeugung aus Braunkohle spiegelt den Rückgang des Stromverbrauchs, die Verringerung der Erzeugungskapazitäten im Zuge des schrittweisen Kohleausstiegs, der angestiegenen Stromproduktion aus Windenergieanlagen sowie den verstärkten Stromimporten aus dem benachbarten Ausland. Die Stromerzeugung aus Kernenergie ging in den ersten drei Quartalen 2023 verglichen mit dem Vorjahreszeitraum um 72 Prozent zurück. Das ist auf die endgültige Stilllegung der letzten drei AKW zum 15. April 2023 zurückzuführen. Seit diesem Zeitpunkt leistet die Kernenergie in Deutschland keinen Beitrag mehr zur Energieversorgung.

In den ersten neun Monaten des Jahres wurden 9,7 Milliarden Kilowattstunden (Mrd. kWh) Strom mehr aus dem Ausland importiert als exportiert. Bis zum Mai des laufenden Jahres verzeichnete der Stromaußenhandelssaldo einen deutlichen Exportüberschuss, seither wird im Saldo mehr importiert. Es hat also einen Umschwung gegeben. Man kann dies zwar, wie AG Energiebilanzen es tut, rein technisch als einen „gut funktionierenden europäischen Strommarkt“ interpretieren. Denn im Ausland standen im Berichtszeitraum teilweise günstigere Erzeugungsmöglichkeiten zur Verfügung. Aber den Rückgang der hiesigen Wirtschaft kann man damit nicht kaschieren.

Interessant ist vor allem der Beitrag der Erneuerbaren Energien, welche die Ampel als Wachstumsmotor sieht. Also vor allem Photovoltaik, Solarthermie und Windkraft. Bekanntlich will die Ampelregierung alle fossilen Energien durch Erneuerbare ersetzen. Man will sich nur noch auf die Sonne als einzige Energiequelle verlassen. Also auch bei der Mobilität und bei der Wärme bzw. beim Heizen. Sektorenkopplung wird die allumfassende Elektrifizierung genannt. Auch wenn in den „klimafreundlichen“ Medien vom großen Aufschwung der Erneuerbare die Rede ist, verringerte sich in den ersten neun Monaten deren Erzeugung leicht um 0,3 Prozent (51,7 Mio. t SKE). Die Stromerzeugung aus Wind konnte um 3 Prozent zulegen. Bei der Solarenergie gab es dagegen ein leichtes Minus von 1 Prozent. Die traditionelle Stromerzeugung aus Wasserkraft erhöhte sich um 14 Prozent. Die Biomasse, also im wesentlichen Holz zum Heizen, auf die knapp 55 Prozent des gesamten Primärenergieverbrauchs der erneuerbaren Energien entfällt, blieb um 3 Prozent hinter dem Vorjahreswert zurück.

Hat man diese Zahlen zur Kenntnis genommen, kommt die Frage auf, ob die deutsche Industrie sich auf den richtigen Märkten bewegt und ob sie dabei noch die richtigen Partner hat. Die Industrieproduktion der westlichen Hemisphäre, also des gesamten globalen Westens, ist unter Führung der USA zum großen Teil in die sogenannten Billiglohnländer Asiens verlagert worden. Dieser Prozess begann in etwa während der Regierungszeit des US-Präsidenten Bill Clinton. Der ehemalige Industriekapitalismus ist zum Finanzkapitalismus mutiert, der mit industrieller Wertschöpfung wenig, mit Casino, Spekulation und Zinsmanipulation dagegen umso mehr zu tun hat. Vor allen Dingen aber mit Rüstung und Kriegswirtschaft. Das ist es, was sich in den Zahlen widerspiegelt, welche die AG Energiebilanzen veröffentlicht haben.

Im Europaraum sank die Produktion von Investitionsgütern im September 2023 gegenüber September 2022 um 9,8 Prozent, von Gebrauchsgütern um 8,1 Prozent, von Verbrauchsgütern um 6,7 Prozent, von Energie um 5,8 % und von sogenannten Vorleistungsgütern um 4,5 Prozent. In anderen Mitgliedstaaten, für welche Daten vorliegen, wurden die stärksten jährlichen Rückgänge in Irland mit -27,2 Prozent, Belgien -14,0 Prozent und Estland (minus 12,5 Prozent registriert. Anstiege wurden dagegen in Dänemark plus 2,8 Prozent, Griechenland plus 2,1 Prozent, Kroatien plus 1,6 Prozent und Malta plus 0,4 Prozent registriert.

Die Ampelregierung verkündet, als Ausweg müsse Deutschland „kriegstüchtig“ werden. Dieser Begriff ist in den Systemmedien gegenwärtig in aller Munde, gepusht vom Kriegsminister Boris Pistorius. Aber Rüstung trägt nicht zur Erhöhung des Wohlstandes bei, höchstens in den Statistikspielereien der bürgerlichen Ökonomie, die einfach alles zusammenzählt. Rüstung bringt beim qualitativen Wirtschaftswachstum nur bessere Zahlen, aber keine bessere Lebensqualität. Denn Rüstung explodiert gleich wieder und geht nicht in den Wirtschaftskreislauf ein – dafür ist sie ja schließlich gemacht – und verflüchtigt sich schrecklicherweise zusammen mit vielen Menschenleben.

Das Gerede, Deutschland müsse „kriegstüchtig“ werden, ist nicht nur dummes Geschwätz eines Politikers, es steuert geradewegs auf eine Verschlimmerung des ökonomischen Absturzes jedes Landes zu, dass sich darauf eingelassen hat. Und was das Wachstum von Êrneuerbaren Energien angeht, belegen die Zahlen, dass auch diese nicht von der allgemeinen wirtschaftlichen Lage abgekoppelt werden können. Auch wenn die Grünen Sonne und Wind immer als Alternative darstellen, eine getrennte Entwicklung für sie gibt es nicht. Und eine Realisierung der All-Elektrik-Fantasien schon gar nicht. Als ob die Zahlen nicht schon schlecht genug wären. Nächstes Jahr dürfte es für die Bundesbürger heftig werden.

Quellen und Verweise:
Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen
Deutsche Industrieprodukte immer weniger gefragt, scienzz vom24.11.2023


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